Selbstwirksamkeit bei Depression: 12 Mini-Übungen (10 Sec) die trotzdem gehen

Selbstwirksamkeit bei Depression – klingt fast wie ein Widerspruch, oder? Du liest einen gut gemeinten Tipp … und irgendwo ganz tief drin sagt eine Stimme: „Das bringt bei mir eh nichts.“ Wenn du diese Stimme kennst, bist du hier genau richtig. Dieser Artikel will dich zu nichts überreden. Er zeigt dir eine Tür – und wie du sie einen winzigen Spalt öffnen kannst. In deinem Tempo.

Ich begleite seit vielen Jahren als Yogatherapeutin auch Menschen mit Ängsten und depressiven Phasen – auch in einer Online-Gruppe. Und mir fällt immer wieder dasselbe auf: Gerade wer neu dabei ist und noch wenig Therapie-Erfahrung hat, kann den Empfehlungen oft einfach nicht glauben. Nicht aus Trotz. Sondern weil die Hilflosigkeit, die zu dieser Krankheit gehört, jeden Vorschlag sofort entwertet.

Die gute Nachricht:
– Psychotherapeuten kennen dieses Phänomen sehr genau. Es hat Namen, es ist gut erforscht – und es gibt bewährte Wege hindurch. Die schauen wir uns an.
– Und danach bekommst du 12 abgestufte Mini-Übungen, von „10 Sekunden, fast nichts“ bis „5 Minuten, schon ein bisschen Yoga“.

→ So nutzt du diesen Artikel:

  • Du musst ihn nicht komplett lesen. Wirklich nicht.
  • Kapitel 1 bis 4 = Hintergrundwissen. Du erfährst, warum es so schwer ist anzufangen – und warum das nicht an dir liegt.
  • Kapitel 5 bis 9 = die Übungen, sortiert nach Stufen. Den Wegweiser, welche Stufe gerade zu dir passt, findest du in Kapitel 4.
  • Kapitel 10 = für alle, die andere begleiten (Angehörige, Gruppenleiter, Freunde).
  • Speicher dir die Seite ab. Du wirst an verschiedenen Tagen verschiedene Kapitel brauchen.

Wichtig vorab – wenn es gerade richtig dunkel ist:
Wenn du gerade daran denkst, nicht mehr leben zu wollen, dann ist jetzt nicht der Moment für Übungen, sondern für einen Menschen. Bitte ruf an:

  • Deutschland: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenfrei, rund um die Uhr) • im Notfall 112
  • Österreich: TelefonSeelsorge 142
  • Schweiz: Die Dargebotene Hand 143
  • Für Fragen rund um Depression: Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe 0800 33 44 533

Anrufen ist übrigens auch ein Akt von Selbstwirksamkeit. Ein großer sogar.

📖 Inhalt

1/10 • „Das bringt bei mir eh nichts“ – warum dieser Satz ein Symptom ist, kein Urteil über dich

Fangen wir mit dem wichtigsten Gedanken an. Wenn du Empfehlungen nicht glauben kannst, heißt das nicht, dass du nicht willst. Es heißt auch nicht, dass du „ein hoffnungsloser Fall“ bist. Es heißt: Die Krankheit spricht gerade mit.

„Nichts hilft“ ist bei Depression kein Faktencheck – es ist ein Symptom.

Oder anders formuliert:
Die Hilflosigkeit ist Teil der Erkrankung. Sie färbt alles ein, auch die Einschätzung, ob eine Übung wirken könnte.

1/3 • Erlernte Hilflosigkeit: was Forscher bei Tieren fanden – und 50 Jahre später korrigieren mussten

In den 1960er-Jahren beobachteten die Psychologen Martin Seligman und Steven Maier etwas Verstörendes:
Tiere, die unangenehmen Reizen immer wieder hilflos ausgesetzt waren, hörten irgendwann auf, einen Ausweg zu suchen. Selbst dann, als es einen gab. Sie nannten das erlernte Hilflosigkeit.

→ Jetzt kommt der spannende Teil:
50 Jahre später haben die beiden ihre eigene Theorie auf den Kopf gestellt (Maier & Seligman 2016):

  • Passivität bei anhaltender Belastung wird gar nicht gelernt. Sie ist die Grundeinstellung des Gehirns – eine Art Energiespar-Schutzmodus.
  • Was gelernt werden muss, ist das Gegenteil: die Erfahrung „Ich kann etwas beeinflussen„.
  • Diese Erfahrung aktiviert Bereiche im Stirnhirn, die den Schutzmodus aktiv bremsen.

Das bedeutet für dich:
– Wenn du dich hilflos fühlst, ist dein System nicht „kaputt“.
– Es macht, was es unter Dauerbelastung eben macht.
– Und – das ist der Hoffnungsteil – Kontrolle kann man wieder lernen.
– Durch Erfahrung, nicht durch Überzeugung.

2/3 • Selbstwirksamkeit bei Depression: das Gegenstück, das sich nicht herbeiglauben lässt

Der Psychologe Albert Bandura hat das Gegenstück zur Hilflosigkeit beschrieben: Selbstwirksamkeit. Gemeint ist die Überzeugung, eine bestimmte Handlung ausführen und damit etwas bewirken zu können (Bandura 1977).

→ Bandura hat auch untersucht, woher diese Überzeugung kommt. Die vier Quellen, von stark nach schwach:

  1. Eigene Erfolgserlebnisse – selbst gemacht, und seien sie noch so winzig. Die stärkste Quelle.
  2. Vorbilder – jemand, der „so ist wie ich“, hat es geschafft.
  3. Körperzustand – wie ruhig oder aufgewühlt du dich gerade fühlst.
  4. Überredung – jemand sagt dir, dass du es kannst. Die schwächste Quelle.

Merkst du was? Genau die Quelle, die wir Helfer am liebsten nutzen – erklären, überzeugen, Mut zusprechen – ist die schwächste. Deshalb prallen so viele gute Tipps ab.

3/3 • Warum gut gemeinte Tipps sich wie ein Berg anfühlen

Wenn Angst oder Depression im Vordergrund stehen, läuft das System im Dauer-Bedrohungsmodus. Und dann passiert Folgendes:

  • Die Energie reicht gerade so für den Alltag. Jede zusätzliche Aufgabe fühlt sich riesig an.
  • Jeder Vorschlag enthält eine unausgesprochene Erwartung: „Mach das, dann geht’s dir besser.“
  • Die Angst vor dem nächsten Scheitern ist größer als die Hoffnung: „Wenn das auch nicht hilft, beweist es nur, wie hoffnungslos ich bin.„
  • Also lieber gar nicht erst anfangen. Das ist Schutz – kein Desinteresse.

In meinem Verständnis zeigt sich hier etwas Wichtiges:
– Das Nervensystem ist die Bühne, auf der sich die Hilflosigkeit zeigt – nicht der Regisseur.
– Dahinter stehen Emotionen wie Angst, Scham und Ohnmacht.
– Und die lassen sich nicht wegargumentieren.
– Man muss ihnen eine neue Erfahrung anbieten.

Kurz reflektiert – das nimmst du aus Kapitel 1 mit:

  • „Das bringt eh nichts“ ist ein typischer Gedanke der Erkrankung – nicht die Wahrheit über dich.
  • Passivität ist die Grundeinstellung eines überlasteten Systems. Kontrolle wird neu gelernt.
  • Selbstwirksamkeit entsteht vor allem durch eigene, winzige Erfolgserlebnisse – kaum durch Überredung.
  • Nicht anfangen wollen ist oft Schutz vor der nächsten Enttäuschung.
  • Frag dich: Wann hast du zuletzt einen Tipp abgelehnt – und was hättest du dabei riskiert, wenn du es versucht hättest?

2/10 • Wenn Meditation erst mal lauter statt leiser macht – ein bekanntes Phänomen

Ich liebe Meditation. Ich weiß, was sie kann. Und ich weiß: Für Menschen mit Ängsten oder Depressionen ist sie nicht immer der richtige Einstieg.

Hier kommt der zweite Grund, warum Empfehlungen abprallen – einer, über den viel zu selten gesprochen wird.

1/2 • Entspannungs-induzierte Angst: Wenn Ruhe Alarm auslöst

Schon 1983 beschrieben Forscher ein paradoxes Phänomen:
Bei manchen Menschen steigt die Angst, wenn sie sich entspannen sollen (Heide & Borkovec 1983). Fachleute nennen das „relaxation-induced anxiety“.

→ Warum passiert das?

  • Meditation und Konzentration lenken die Aufmerksamkeit nach innen.
  • Bei Angst oder Depression ist es innen gerade oft laut: Herzklopfen, Grübeln, Enge in der Brust, schwere Gedanken.
  • Wer ungeübt dort hinschaut, nimmt all das plötzlich noch deutlicher wahr.
  • Manche erleben auch das Loslassen von Kontrolle als bedrohlich.

Eine große Befragungsstudie hat außerdem gezeigt, dass Meditierende gelegentlich schwierige Erfahrungen machen, etwa Angst oder Unruhe (Lindahl et al. 2017). Das spricht nicht gegen Meditation. Es spricht für die Kunst der korrekten Dosierung.

2/2 • Außen vor innen: der sanftere Einstieg

Daraus folgt eine einfache Regel, die du in den Übungen weiter unten überall wiederfindest:

Erst nach außen, dann in den Körper, dann nach innen.

  • Außen = Dinge sehen, hören, anfassen. Das holt dich ins Hier und Jetzt, ohne dass du „reinschauen“ musst.
  • Körper = einfache Bewegung, Füße, Sitzen, Ausatmen. Spürbar, aber nicht bedrohlich.
  • Innen = Atem beobachten, Konzentration, Meditation. Erst, wenn die ersten beiden Stufen sich sicher anfühlen.

Die alten Yogis kannten das übrigens sehr gut:
Bevor es an die Meditation geht, kommt die Erdung – das Erdelement im Muladhara-Chakra, dem Wurzelchakra. Erst Boden unter den Füßen, dann der Blick nach innen. Moderne Therapie und alte Yoga-Weisheit sagen hier dasselbe, nur mit anderen Worten.

Kurz reflektiert – das nimmst du aus Kapitel 2 mit:

  • Nach innen schauen kann Angst und Grübeln anfangs verstärken. Das ist bekannt und erforscht.
  • Wenn dir Meditation bisher unangenehm war, hast du nichts falsch gemacht. Die Dosis war zu hoch.
  • Die Reihenfolge macht’s: außen → Körper → innen.
  • Erdung vor Meditation ist klassische Yoga-Praxis.
  • Frag dich: Fühlt sich für dich gerade „nach draußen schauen“ oder „nach innen schauen“ sicherer an?

3/10 • Selbstwirksamkeit bei Depression: 5 Türöffner, die Therapeuten seit Jahren nutzen

Und nein – gute Behandlung heißt nicht, „nur Pillen zu füttern“. Auch wenn es manchmal so scheint. Medikamente können bei mittelschweren und schweren Depressionen wichtig sein, und die Nationale Versorgungsleitlinie empfiehlt sie dann auch (NVL Unipolare Depression). Sie schaffen manchmal erst die Voraussetzung, überhaupt wieder handeln zu können. Aber die eigentliche Tür zur Selbstwirksamkeit öffnen andere Dinge.

Das Schöne: Viele dieser Türöffner kannst du dir auch für dich selbst abschauen.

1/5 • Türöffner 1 – Erst das Warum, dann das Was

Therapeuten erklären zuerst, was im Körper passiert, bevor sie eine Übung vorschlagen. Das nennt sich Psychoedukation. Wer versteht, was mit ihm los ist, fühlt sich weniger ausgeliefert.

  • Statt: „Probier mal diese Atemübung.“
  • Eher: „Dein System steht gerade unter Dauerfeuer. Wir wollen dich nicht ‚heil machen‘. Wir schicken ihm über ein langes Ausatmen nur ein winziges Signal: Gerade ist kein Säbelzahntiger im Raum.“

Genau das hast du übrigens in Kapitel 1 und 2 gerade gemacht. Du bist schon mittendrin (UND!).

2/5 • Türöffner 2 – Nicht überreden (auch dich selbst nicht!)

In der Motivierenden Gesprächsführung gibt es einen Begriff für den Helfer-Reflex: „Righting Reflex“. Ich sehe ein Problem, ich kenne eine Lösung, also erkläre ich sie. Klingt fürsorglich – bewirkt aber oft das Gegenteil (Miller & Rollnick 2013).

→ Denn je mehr jemand für eine Veränderung argumentiert …

  • … desto mehr argumentiert der andere dagegen.
  • … desto mehr verteidigt er seine erlebte Realität („Bei mir ist das aber anders!“).
  • … desto fester wird der Widerstand.

Das Spannende: Diesen Reflex haben wir auch uns selbst gegenüber. „Jetzt reiß dich doch mal zusammen, du weißt doch, dass Bewegung hilft!“ – kennst du? Genau diese innere Überredung verstärkt oft die innere Blockade.

Therapeuten machen es anders: erst verstehen, dann fragen, ob überhaupt ein Vorschlag gewünscht ist. Und dann anbieten – nicht verordnen.

3/5 • Türöffner 3 – Experiment statt Glaubensbekenntnis

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt überhaupt. Die Verhaltensaktivierung, ein Kernbaustein der kognitiven Verhaltenstherapie, dreht die übliche Reihenfolge um:

Nicht erst Motivation, dann Handlung. Sondern erst eine winzige Handlung – dann neue Erfahrung – dann vielleicht Glaube.

Die Stimmung folgt häufig der Aktivität, nicht umgekehrt. Verhaltensaktivierung ist nachweislich wirksam bei Depressionen (Ekers et al. 2014). Eine klassische Studie zeigte sogar, dass dieser Baustein allein ähnlich gut abschnitt wie die komplette kognitive Verhaltenstherapie (Jacobson et al. 1996).

→ So klein machen Therapeuten die Schritte um in die Selbstwirksamkeit bei Depression zu führen:

  • Nicht „20 Minuten Yoga“ – sondern „einmal die Schultern hochziehen und fallen lassen“.
  • Nicht „meditieren lernen“ – sondern „Timer auf 90 Sekunden, danach darfst du aufhören“.
  • Nicht „das wird dir helfen“ – sondern „wir testen, ob sich irgendwas um 2 Prozent verschiebt“.
  • Und das Wichtigste: Es muss nicht helfen. Wir beobachten nur.

4/5 • Türöffner 4 – Den Gedanken „nichts hilft“ benennen statt bekämpfen

Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) hat dafür einen eleganten Weg. Sie behandelt „Das bringt eh nichts“ nicht als Wahrheit, sondern als Gedanken, den man bemerken darf (A-Tjak et al. 2015).

  • Statt: „Das bringt eh nichts.“
  • Sag: „Ich bemerke gerade den Gedanken, dass das nichts bringt.“
  • Oder: „Aha, da spricht wieder meine Hilflosigkeits-Geschichte.“

Du musst den Gedanken nicht besiegen. Du musst ihn nicht mal glauben oder widerlegen. Du darfst ihn einfach mitnehmen – und trotzdem einen Mini-Schritt machen. Das entlastet ungemein.

5/5 • Türöffner 5 – Wahlfreiheit und Vorbilder

Menschen, die sich ohnmächtig fühlen, reagieren allergisch auf Bevormundung. Völlig verständlich. Deshalb gilt:

  • Wählen statt müssen: Schon das Aussuchen zwischen drei Möglichkeiten ist ein erster Schritt zurück in die Selbstwirksamkeit.
  • Ablehnen erlaubt: Paradoxerweise steigt die Bereitschaft oft genau dann, wenn der Druck wegfällt.
  • Vorbilder nutzen: Wenn jemand, der vor drei Monaten genauso zweifelte wie du, erzählt „Ich hab’s auch für Quatsch gehalten – dann hab ich 2 Minuten gemacht. Mehr nicht“ … dann wirkt das stärker als jede Expertenmeinung.

Selbsthilfegruppen und Austausch unter Betroffenen können depressive Beschwerden tatsächlich lindern (Pfeiffer et al. 2011). Menschen „aus den eigenen Reihen“ sind glaubwürdig – weil sie denselben Unglauben kennen.

Kurz reflektiert – das nimmst du aus Kapitel 3 mit:

  • Verstehen, was passiert, macht weniger ausgeliefert.
  • Überreden – auch sich selbst – verstärkt oft den Widerstand.
  • Handlung kommt vor Motivation. Die Stimmung folgt häufig der Aktivität.
  • „Nichts hilft“ darfst du als Gedanken bemerken, statt ihn zu bekämpfen.
  • Wahlfreiheit und echte Vorbilder öffnen mehr Türen als Ratschläge.
  • Frag dich: Welcher dieser fünf Türöffner hat dir bisher am meisten gefehlt?

4/10 • Wo stehst du heute? Dein Wegweiser zur passenden Übung

Bevor es an die Übungen geht, noch ein letzter, aber entscheidender Gedanke. Eine Übung, die du im Zustand größter Hilflosigkeit nicht schaffen kannst, bestätigt nur die Hilflosigkeit. Dann warst nicht du zu schwach. Dann war die Dosis zu hoch.

1/2 • Veränderung kommt in Stufen – und jede Stufe ist in Ordnung

Die Psychologen Prochaska und DiClemente haben beschrieben, dass Veränderung in Phasen verläuft (Prochaska & DiClemente 1983). In Alltagssprache übersetzt:

  1. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sich was ändert.“ – Da helfen keine Übungen, sondern Verständnis.
  2. „Ein Teil von mir will, ein anderer glaubt nicht dran.“ – Hier sind die allermeisten. Ambivalenz ist normal.
  3. „Ich würde es vielleicht probieren.“ – Jetzt braucht es winzige, machbare Schritte.
  4. „Ich mache schon was.“ – Jetzt geht es ums sanfte Steigern.
  5. „Ich will dranbleiben.“ – Jetzt wird aus Übung ein Ritual.

Falsches Timing ist einer der häufigsten Gründe, warum Selbsthilfe abprallt. Deshalb: Such dir die Stufe, die zu heute passt. Nicht die, auf der du gern wärst.

2/2 • So findest du in 10 Sekunden deinen Einstieg

→ Lies die Sätze und nimm den, der sich am ehesten richtig anfühlt:

  • „Heute geht fast gar nichts. Schon das Lesen hier ist viel.“
    → Kapitel 5: Stufe 0 – Übungen unter 10 Sekunden
  • „Ich lese gern mit, aber Übungen, bei denen ich in mich reinspüren soll, sind mir zu viel.“
    → Kapitel 6: Stufe 1 – Blick nach außen, 60 Sekunden
  • „Ich will’s probieren, aber sanft. Nach innen schauen macht mir noch Unruhe.“
    → Kapitel 7: Stufe 2 – Körperübungen, 90 Sekunden
  • „Kleine Sachen gehen schon. Ich will einen Schritt weiter.“
    → Kapitel 8: Stufe 3 – erste Atem- und Konzentrationsübungen, 2 bis 5 Minuten
  • „Ich hab schon angefangen und will dranbleiben.“
    → Kapitel 9: Dranbleiben ohne Druck

Und ganz wichtig: Die Stufen sind keine Treppe, die du einmal hochsteigst. An guten Tagen bist du vielleicht auf Stufe 3, an schweren auf Stufe 0. Das ist kein Rückschritt. Das ist kluge Dosierung.

Kurz reflektiert – das nimmst du aus Kapitel 4 mit:

  • Eine zu große Übung bestätigt die Hilflosigkeit. Die Dosis muss passen.
  • Ambivalenz – „ich will, aber ich glaube nicht dran“ – ist die häufigste und völlig normale Phase.
  • Such dir die Stufe für heute, nicht für „eigentlich“.
  • Zwischen den Stufen hin- und herzuwechseln ist ausdrücklich erlaubt.
  • Frag dich: Welcher Satz hat sich gerade am ehrlichsten angefühlt?

5/10 • Stufe 0 – Wenn heute fast nichts geht: 3 Übungen unter 10 Sekunden

Diese Übungen sind so klein, dass sie fast lächerlich wirken. Das ist Absicht. Sie sind für die Tage gemacht, an denen schon Aufstehen ein Kraftakt ist. Du musst nicht dran glauben. Neugier reicht. Und selbst die ist heute optional.

1/3 • Übung 1: Die Erlaubnis

Die kleinste Übung von allen – und vielleicht die wichtigste. Sie nimmt den Druck raus, der alles andere blockiert.

So geht’s (5 Sekunden):

  1. Sag dir – laut oder still – diesen einen Satz: „Ich muss heute gar nichts leisten.“
  2. Wenn du magst, leg dabei eine Hand irgendwohin, wo es sich angenehm anfühlt. Auf den Bauch, auf die Brust, auf den Oberschenkel.
  3. Fertig.

Warum das wirkt:
Die Angst vor dem Versagen hält viele davon ab, überhaupt anzufangen. Diese Erlaubnis nimmt die Leistungserwartung weg. Und paradoxerweise entsteht genau dadurch manchmal ein kleiner Spalt Raum für etwas Neues.

2/3 • Übung 2: Ein hörbarer Seufzer

Seufzen ist ein eingebauter „Reset-Knopf“ des Körpers. Du machst es ohnehin ständig – nur meistens unbewusst.

So geht’s (10 Sekunden):

  1. Atme durch die Nase ein, ganz normal.
  2. Lass die Luft durch den Mund mit einem hörbaren „Haaaah“ wieder raus. Ruhig ein bisschen übertrieben.
  3. Einmal reicht.

Warum das wirkt:
Ein langes Ausatmen gilt als eines der einfachsten Signale an den Körper, dass gerade keine Gefahr droht. Du musst nicht nach innen spüren, nichts analysieren. Einfach seufzen. Das ist erlaubt – auch in Gesellschaft.

3/3 • Übung 3: Füße auf den Boden

Die kleinste Form von Erdung. Aus Yoga-Sicht beginnt hier die Arbeit mit dem Erdelement.

So geht’s (10 Sekunden):

  1. Egal wo du bist – im Bett sitzend, auf dem Sofa, am Küchentisch: Stell beide Füße flach auf den Boden.
  2. Drück sie für drei Sekunden ganz leicht nach unten.
  3. Bemerke: Der Boden hält dich. Du musst gerade nichts festhalten.

Warum das wirkt:
Der Druck der Füße ist ein klarer, äußerer Reiz. Er holt die Aufmerksamkeit aus dem Gedankenkarussell ins Hier und Jetzt – ganz ohne, dass du an eine Wirkung glauben musst.

 

Kurz reflektiert – das nimmst du aus Kapitel 5 mit:

  • An schweren Tagen zählt schon ein einziger Satz, ein Seufzer, ein Fußdruck.
  • Stufe-0-Übungen brauchen keinen Glauben und keine Innenschau.
  • Jede davon ist ein Mini-Beweis: „Ich kann etwas tun.“
  • Es muss nichts „passieren“. Angefangen = geschafft.
  • Frag dich: Welche der drei würdest du am ehesten heute ausprobieren – ganz ohne Erwartung?

6/10 • Stufe 1 – Den Blick nach außen lenken: 3 Übungen für 60 Sekunden

Auf dieser Stufe lenkst du die Aufmerksamkeit bewusst nach außen. Das ist der sicherste Weg, dem Grübeln eine Pause zu gönnen – ohne dass es innen lauter wird.

1/3 • Übung 4: Drei rote Dinge

Eine kleine Suchaufgabe für die Augen. Klingt kindlich? Ist es auch. Und genau das macht sie so leicht.

So geht’s (30 bis 60 Sekunden):

  1. Schau dich um – im Zimmer oder aus dem Fenster.
  2. Such genau drei Dinge, die rot sind. (Oder blau. Oder grün. Such dir eine Farbe aus.)
  3. Benenne sie still: „Buchrücken. Tasse. Autodach.“
  4. Fertig. Mehr nicht.

Warum das wirkt:
Suchen beschäftigt das Gehirn mit etwas Neutralem im Außen. Das Grübeln bekommt keine Aufmerksamkeit ab – für eine Minute. Und eine Minute Pause ist mehr, als es sich an manchen Tagen anfühlt.

2/3 • Übung 5: Die 5-4-3-2-1-Methode

Ein Klassiker aus der Angsttherapie. Er holt dich über alle Sinne zurück in den Moment.

So geht’s (ca. 60 Sekunden):

  1. 5 Dinge, die du siehst
  2. 4 Dinge, die du berühren kannst (Stoff der Hose, Tischkante, …)
  3. 3 Dinge, die du hörst
  4. 2 Dinge, die du riechst (oder die du gern riechen würdest)
  5. 1 Ding, das du schmeckst

Zu viel? Dann mach nur die 5 Dinge, die du siehst. Das zählt genauso.

Warum das wirkt:
Bei Angst und Grübeln ist die Aufmerksamkeit in der Zukunft oder in der Vergangenheit. Die Sinne gibt es aber nur im Jetzt. Wer sie nacheinander „abfragt“, landet automatisch im Moment.

3/3 • Übung 6: Das bewusste Glas Wasser

Eine Alltagshandlung, die du eh machst – nur einmal mit voller Aufmerksamkeit.

So geht’s (60 Sekunden):

  1. Hol dir ein Glas Wasser. (Das allein ist schon ein Schritt!)
  2. Trink es in kleinen Schlucken.
  3. Bemerke bei jedem Schluck eine Sache: die Temperatur, das Gefühl im Mund, das Schlucken.
  4. Stell das Glas bewusst ab. Fertig.

Warum das wirkt:
Hier kommen zwei Dinge zusammen: eine kleine, abgeschlossene Handlung (= Erfolgserlebnis) und ein Moment ungeteilter Aufmerksamkeit. Im Yoga ist das der Anfang von Dharana, der Konzentration – nur eben noch ganz nach außen gerichtet.

 

Kurz reflektiert – das nimmst du aus Kapitel 6 mit:

  • Der Blick nach außen ist der sanfteste Weg aus dem Grübeln.
  • Farben suchen, Sinne abfragen, bewusst trinken – alles Konzentration, aber ohne Innenschau.
  • Jede Übung darfst du verkleinern. Die Mini-Version zählt voll.
  • Abgeschlossene kleine Handlungen sind echte Erfolgserlebnisse – Banduras stärkste Quelle.
  • Frag dich: Welche Sinnesübung hat sich am leichtesten angefühlt – und könntest du sie morgen wiederholen?

7/10 • Stufe 2 – Den Körper mitnehmen: 3 Übungen für 90 Sekunden

Jetzt kommt der Körper ins Spiel. Aber sanft. Du bewegst dich, du atmest bewusster, du spürst den Boden. Nach innen schauen musst du noch nicht.

1/3 • Übung 7: Schultern hoch – und fallen lassen

Viele tragen ihre Anspannung buchstäblich auf den Schultern. Diese Übung macht das spürbar – und lässt es los.

So geht’s (ca. 60 Sekunden):

  1. Zieh beim Einatmen beide Schultern hoch zu den Ohren. Richtig hoch.
  2. Halte sie kurz – zwei, drei Sekunden.
  3. Lass sie mit dem Ausatmen einfach fallen. Gern mit einem Seufzer.
  4. Drei Mal wiederholen.

Warum das wirkt:
Anspannen und dann loslassen macht den Unterschied zwischen „fest“ und „locker“ körperlich erfahrbar. Du musst dich nicht „entspannen wollen“ – der Körper macht das nach dem Anspannen fast von allein.

2/3 • Übung 8: Doppelt einatmen, lang ausatmen

Diese Atemtechnik heißt in der Forschung „cyclic sighing“ – zyklisches Seufzen. In einer Stanford-Studie verbesserte sie die Stimmung stärker als eine gleich lange Achtsamkeitsmeditation (Balban et al. 2023). Ein schönes Beispiel dafür, dass der Weg über den Körper manchmal leichter ist als der über den Geist.

So geht’s (60 bis 90 Sekunden):

  1. Atme durch die Nase ein.
  2. Kurz bevor die Lunge voll ist: noch ein kleiner, zweiter Atemzug oben drauf – ebenfalls durch die Nase.
  3. Dann langsam und lang durch den Mund ausatmen. Das Ausatmen ist deutlich länger als das Einatmen.
  4. Wiederhole das in deinem Tempo, etwa 5 bis 8 Mal.

Achtung: Wenn dir schwindlig wird oder die Aufmerksamkeit auf den Atem dich unruhig macht, hör einfach auf. Dann geh zurück zu Stufe 1. Das ist kein Scheitern, sondern gute Selbstbeobachtung.

Warum das wirkt:
Langsames Atmen mit langem Ausatmen beruhigt Herzschlag und Atemfrequenz und kann nachweislich Angst und Anspannung verringern (Zaccaro et al. 2018). Der Körper beruhigt sich – und das färbt auf die Stimmung ab.

3/3 • Übung 9: Der Erd-Sitz – dein kleiner Muladhara-Anker

Hier wird die Erdung aus Stufe 0 bewusster. Im Yoga ist das die Arbeit mit dem Erdelement im Muladhara-Chakra – dem Wurzelchakra, das für Sicherheit, Halt und Vertrauen steht.

So geht’s (90 Sekunden):

  1. Setz dich auf einen Stuhl. Beide Füße flach auf dem Boden, hüftbreit auseinander.
  2. Spür die beiden Sitzknochen auf der Sitzfläche. Wackel ruhig ein bisschen hin und her, bis du sie merkst.
  3. Leg die Hände locker auf die Oberschenkel, Handflächen nach unten.
  4. Stell dir vor, dein Gewicht sinkt mit jedem Ausatmen ein bisschen mehr nach unten – in den Stuhl, in den Boden.
  5. Augen dürfen offen bleiben. Schau auf einen Punkt am Boden vor dir.
  6. Nach 90 Sekunden: Füße einmal fest aufsetzen, fertig.

Warum das wirkt:
Die Aufmerksamkeit geht nach unten und nach außen, zu dem, was trägt. Die Innenschau bleibt noch aus. Die Yogis wussten: Wer sich getragen fühlt, dem fällt alles andere leichter. Moderne Therapie nennt das „Grounding“. Es ist dasselbe Prinzip.

 

Kurz reflektiert – das nimmst du aus Kapitel 7 mit:

  • Anspannen und Loslassen macht den Unterschied spürbar – ohne „entspannen müssen“.
  • Ein langes Ausatmen ist ein gut erforschtes Beruhigungssignal für den Körper.
  • Erdung heißt: Aufmerksamkeit nach unten, zu dem, was dich trägt.
  • Wird’s innen zu laut, geh eine Stufe zurück. Das ist kluge Dosierung.
  • Frag dich: Wo in deinem Körper hast du bei diesen Übungen am ehesten etwas wie Halt gespürt?

8/10 • Stufe 3 – Die Tür nach innen einen Spalt öffnen: 2 Übungen für 2 bis 5 Minuten

Wenn die ersten Stufen sich sicher anfühlen, darfst du vorsichtig nach innen schauen. Nicht, weil du „musst“. Sondern weil du inzwischen weißt, dass du jederzeit zurück nach außen kannst. Genau das macht die Innenschau sicher.

1/2 • Übung 10: Atemzüge zählen – mit offenen Augen

Die einfachste Form der Atem-Meditation. Mit einem eingebauten Notausgang.

So geht’s (2 bis 3 Minuten):

  1. Setz dich wie beim Erd-Sitz (Übung 9). Augen offen, Blick locker auf den Boden.
  2. Zähl die Ausatmungen: Ausatmen = „eins“. Nächstes Ausatmen = „zwei“. Bis „zehn“.
  3. Dann wieder von vorn.
  4. Wenn du dich verzählst oder mit den Gedanken wegwanderst: Das ist normal. Fang einfach wieder bei „eins“ an. Das ist die eigentliche Übung.
  5. Stell dir einen Timer. Wenn er klingelt, darfst du sofort aufhören.

Notausgang: Wenn es innen zu laut wird, schau dich im Raum um und such drei rote Dinge (Übung 4). Dann bist du sofort wieder draußen.

Warum das wirkt:
Das Zählen gibt dem Geist eine kleine Aufgabe, die ihn vom Grübeln abhält. Die offenen Augen halten den Kontakt zur Außenwelt. So wird aus Konzentration Schritt für Schritt Meditation – ohne den Sprung ins kalte Wasser.

2/2 • Übung 11: Sanfte Wechselatmung – Ida und Pingala in Balance

Jetzt wird es ein bisschen yogischer. In der Yoga-Lehre gibt es zwei große Energiebahnen: Ida, die kühlende, beruhigende Seite – und Pingala, die wärmende, aktivierende Seite. Bei Angst ist oft zu viel „Pingala“ im Spiel, bei Depression eher zu viel „Ida“. Die Wechselatmung (Nadi Shodhana) will beides ausgleichen.

So geht’s (3 bis 5 Minuten):

  1. Setz dich aufrecht und bequem hin. Augen dürfen offen oder halb geschlossen sein.
  2. Leg den rechten Daumen an den rechten Nasenflügel, den Ringfinger an den linken.
  3. Verschließ sanft das rechte Nasenloch. Atme links ein.
  4. Verschließ links, öffne rechts. Atme rechts aus.
  5. Atme rechts wieder ein. Verschließ rechts, öffne links. Atme links aus.
  6. Das ist eine Runde. Mach 5 bis 10 Runden in deinem Tempo.
  7. Zum Schluss: Hand ablegen, drei normale Atemzüge, Füße fest auf den Boden.

Wichtig: Halte die Luft nicht an. Atme ruhig und ohne Anstrengung. Bei Schwindel, verstopfter Nase oder Unruhe: aufhören und zurück zu Übung 8 oder 9.

Warum das wirkt:
Die Wechselatmung verlangsamt den Atem ganz automatisch und braucht gerade so viel Aufmerksamkeit, dass das Grübeln Pause hat. Yoga als ergänzende Methode zeigte in einer Übersichtsarbeit positive Effekte auf depressive Beschwerden (Cramer et al. 2013). Und aus Yoga-Sicht bringst du die beiden Energieflüsse, die deine Stimmung tragen, wieder ins Gleichgewicht.

 

Kurz reflektiert – das nimmst du aus Kapitel 8 mit:

  • Innenschau ist sicherer, wenn du weißt, dass du jederzeit zurück nach außen kannst.
  • Offene Augen und ein Timer sind erlaubte Hilfsmittel – keine Schummelei.
  • Abschweifen und neu anfangen ist die eigentliche Übung.
  • Ida und Pingala: Ausgleich statt Kampf gegen die eine oder andere Stimmung.
  • Frag dich: Hat sich die Innenschau heute eher wie ein Spalt Licht oder wie zu viel angefühlt? Beides ist eine wertvolle Information.

9/10 • Dranbleiben ohne Druck: wie aus Mini-Schritten ein Ritual wird

Du hast eine Übung ausprobiert? Dann hast du gerade das Wichtigste geschafft. Jetzt geht es darum, dass daraus ein sanftes Ritual wird – ohne dass der alte Leistungsdruck durch die Hintertür zurückkommt.

1/4 • Erfolg neu messen: Angefangen zählt

Die meisten messen Erfolg so: „Hat die Angst nachgelassen? Geht’s mir besser?“ Wenn nicht, war’s ein Reinfall. Das ist die Falle.

Der Erfolg heißt nicht „Es ging mir besser“. Der Erfolg heißt: „Ich habe angefangen.“

→ Denn:

  • Das Anfangen liegt in deiner Hand. Die Wirkung nicht – zumindest nicht sofort.
  • Jedes Anfangen ist ein Erfolgserlebnis im Sinne Banduras. Genau diese Erlebnisse bauen Selbstwirksamkeit auf.
  • Die Wirkung ist eher ein Nachzügler. Sie kommt oft leise, nach Tagen oder Wochen.
  • Die 2-Prozent-Regel: Achte nicht auf „besser“, sondern auf winzige Verschiebungen. „Ein bisschen weniger eng.“ „Kurz mal nicht gegrübelt.“

2/4 • Übung 12: Die Erfolgs-Notiz

Die Depression hat ein sehr schlechtes Gedächtnis für alles, was gelungen ist. Deshalb schreiben wir es auf.

So geht’s (30 Sekunden am Abend):

  1. Leg dir einen Zettel, ein kleines Heft oder eine Notiz im Handy zurecht.
  2. Schreib abends einen Satz: „Heute habe ich … angefangen.“ (Zum Beispiel: „Heute habe ich einmal geseufzt.“ Ja, das zählt!)
  3. Wenn gar nichts war, schreib: „Heute habe ich diese Notiz geschrieben.“ Auch das zählt.
  4. Einmal pro Woche liest du die Notizen durch.

Warum das wirkt:
Die Liste wird zum sichtbaren Beweis gegen den Gedanken „Ich schaffe ja eh nichts“. Nicht als Überredung – sondern als deine eigene, gesammelte Erfahrung. Und die ist schwer zu widerlegen.

3/4 • Schlechte Tage sind eingeplant

Es wird Tage geben, an denen nichts geht. Das ist kein Beweis, dass alles umsonst war. Es ist ein Teil des Weges.

  • An schweren Tagen: eine Stufe zurück. Oder zwei. Oder zur Erlaubnis (Übung 1).
  • Kein „jetzt hab ich’s wieder verbockt“. Dein System hat heute einfach mehr Schonung gebraucht.
  • Die Kunst ist die richtige Balance zwischen Belastung und Schonung – nicht die perfekte Serie.
  • Einen Tag Pause machen ist erlaubt. Morgen ist die Tür immer noch da.

4/4 • Wann du dir zusätzlich Hilfe holen solltest

Diese Übungen sind eine Unterstützung. Sie ersetzen keine ärztliche Diagnose und keine Psychotherapie. Selbsthilfe und professionelle Hilfe sind kein Entweder-oder – sie ergänzen sich wunderbar.

→ Hol dir bitte ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung, wenn …

  • … die Niedergeschlagenheit oder Angst seit mehr als zwei Wochen fast täglich da ist.
  • … du deinen Alltag (Arbeit, Einkaufen, Körperpflege) kaum noch schaffst.
  • … du kaum noch schläfst oder kaum noch isst.
  • … Gedanken auftauchen, dass das Leben keinen Sinn mehr hat oder du nicht mehr da sein möchtest. Dann bitte sofort: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 (DE), 142 (AT), 143 (CH) oder Notruf 112.

Erste Anlaufstelle kann deine Hausarztpraxis sein. Sie kann auch körperliche Ursachen ausschließen. Und: Sich Hilfe zu holen ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist eine der selbstwirksamsten Entscheidungen überhaupt.

Hast du gemerkt, wie viel ein paar bewusste Atemzüge verändern können? Dann bleib doch genau da dran …

Dein Atem ist immer dabei:
Auch an Tagen, an denen sonst gar nichts geht. Er ist das einfachste Werkzeug für deine Selbstwirksamkeit, das es gibt – kostenlos, jederzeit verfügbar, ohne Vorwissen.

„Du musst nicht an deinen Atem glauben. Du musst ihn nur bemerken.“

Das bekommst du im kostenlosen E-Mail-Kurs:

  • 6 E-Mails mit einfachen, bewährten Atemübungen
  • jede Übung dauert nur wenige Minuten – zu Hause, im Büro oder unterwegs
  • Schritt für Schritt, in deinem Tempo – ganz ohne Leistungsdruck
  • die erste Übung kommt sofort, nachdem du deine Anmeldung bestätigt hast

Und wie bei allen Übungen hier gilt: Du musst nichts. Du darfst einfach ausprobieren – und jederzeit wieder abbestellen.

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Kurz reflektiert – das nimmst du aus Kapitel 9 mit:

  • Erfolg = anfangen. Die Wirkung kommt oft als Nachzügler.
  • Achte auf 2-Prozent-Verschiebungen, nicht auf „besser“.
  • Die Erfolgs-Notiz sammelt Beweise gegen die Hilflosigkeits-Geschichte.
  • Schlechte Tage = Stufe runter, nicht Aufgeben.
  • Selbsthilfe und professionelle Hilfe ergänzen sich. Anrufen ist Selbstwirksamkeit.
  • Frag dich: Was wäre der eine Satz, den du heute Abend in deine Erfolgs-Notiz schreiben könntest?

10/10 • Für alle, die begleiten: So lädst du ein, ohne zu drücken

Du begleitest einen Menschen mit Ängsten oder Depressionen – als Partnerin, Freund, Kollegin oder Gruppenleiter? Dann ist dieses Kapitel für dich. Und vielleicht magst du den ganzen Artikel an die Person weitergeben, die dir am Herzen liegt.

1/3 • Das Übungs-Buffet statt Ratschlag

„Mach mal X“ erzeugt Druck. Eine Auswahl dagegen gibt ein Stück Kontrolle zurück. Schon das Wählen ist ein erster Schritt.

→ So könnte eine Einladung klingen (zum Beispiel in einer Gruppe oder als Nachricht):

„Hier sind 3 winzige Sachen fürs Wohlbefinden heute. Du musst nichts davon machen. Wenn du magst, such dir genau EINE aus – oder schau einfach nur zu:
1. 30 Sekunden die Schultern hochziehen und fallen lassen.
2. Ein Glas Wasser in kleinen Schlucken trinken.
3. Aus dem Fenster schauen und 3 rote Dinge suchen.“

→ Und bevor du überhaupt etwas vorschlägst, frag:

  • „Möchtest du gerade eher Verständnis, eine Idee – oder gar nichts davon?“
  • „Darf ich dir erzählen, was anderen in einer ähnlichen Lage geholfen hat? Du entscheidest ganz frei, ob das passt.“

2/3 • Stilles Mitlesen aufwerten

In Gruppen profitieren viele allein vom Mitlesen – ohne je etwas zu schreiben. Rückzug ist meist keine Gleichgültigkeit, sondern Überforderung. Das darf ausgesprochen werden.

  • „An alle, die hier gerade nur leise mitlesen und keine Kraft zum Kommentieren haben: Schön, dass ihr da seid. Ihr müsst heute gar nichts leisten.“
  • „Wer beim Lesen solcher Übungen am liebsten weggescrollt hätte: Das ist völlig normal. Euer System schützt euch gerade vor einer weiteren Enttäuschung.“

Das nimmt die Scham, nicht „aktiv mitzuarbeiten“. Und hält die Tür offen – für später.

3/3 • Erfahrene als Brücke – und Rollenklarheit

Wenn jemand von einer hilfreichen Erfahrung berichtet, ist das Gold wert. Lenk den Fokus dann aber weg vom Endergebnis, hin zum ersten, schweren Schritt:

  • Statt nur: „Toll, dass die Panik weg war!“
  • Lieber: „Danke fürs Teilen! Was war in den ersten 10 Sekunden am schwersten? Wie hast du trotzdem angefangen?“

So sehen die Stillen: Auch die anderen hatten Zweifel. Niemand wurde „magisch geheilt“.

→ Und zum Schluss – ganz ehrlich:

  • Du kannst Türen zeigen, Halt geben und Mini-Schritte feiern.
  • Du kannst keine Diagnose, keine Psychotherapie und keine Krisenhilfe ersetzen.
  • Bei Hinweisen auf Suizidgedanken: ernst nehmen, direkt nachfragen, professionelle Hilfe vermitteln (TelefonSeelsorge, Hausarzt, im Notfall 112).
  • Und pass auch auf dich selbst auf. Begleiten kostet Kraft.

Kurz reflektiert – das nimmst du aus Kapitel 10 mit:

  • Auswahl statt Ratschlag: Wählen ist schon ein Schritt in die Selbstwirksamkeit.
  • Erst fragen, ob ein Vorschlag überhaupt gewünscht ist.
  • Rückzug ist meist Überforderung – und stilles Mitlesen ist auch Selbsthilfe.
  • Erfahrene Betroffene sind die glaubwürdigste Brücke.
  • Begleiten heißt nicht behandeln. Rollenklarheit schützt beide Seiten.
  • Frag dich: Welchen Satz aus diesem Kapitel könntest du beim nächsten Gespräch einfach ausprobieren?

 

Wenn du tiefer eintauchen möchtest – mit Anleitung:

Die Übungen oben sind Türöffner. Wenn du merkst, dass Stufe 2 und 3 dir guttun, und du gern mit Begleitung weitergehen möchtest, gibt es zwei Kurse, die genau dort anknüpfen:

→ Muladhara-Chakra-Meditation mit dem Erdelement
Die ausführliche Version des Erd-Sitzes (Übung 9): Hintergrundwissen, ein kurzes Bewegungsprogramm, erdendes Sitzen mit Erd-Mudras und eine geführte Meditation auf das Erdelement. Dazu zwei erdende Yogastunden als Bonus. Auch für Meditations-Einsteiger geeignet. Als Video und als Audio fürs Handy, mit zeitlich unbegrenztem Zugriff.
👉 Hier geht’s zur Muladhara-Chakra-Meditation

→ Meditation zum Stimmung ausgleichen – mit Ida und Pingala
Die Vertiefung der Wechselatmung (Übung 11): In 4 Schritten lernst du, wie du mit der Harmonie von Ida und Pingala deine Stimmung ins Gleichgewicht bringen kannst – einfach und alltagstauglich.
👉 Hier geht’s zur Meditation zum Stimmung ausgleichen

Und wie immer: Du musst nichts davon. Wenn die Mini-Übungen dir gerade reichen, ist das genau richtig.

Ich freue mich auf dich.

Liebe Grüße,
Deine Mahashakti

Portrait Mahashakti Uta Engeln
Vollzeit Yogalehrerin, Yogatherapeutin und Heilpraktikerin seit über 20 Jahren.

P.S. Kennst du jemanden, der gerade in diesem „Das bringt eh nichts“-Gefühl steckt? Dann schick ihm diesen Artikel – ganz ohne Kommentar, ganz ohne Erwartung. Manchmal ist genau das die sanfteste Einladung. Mehr über mich und meine Arbeit findest du auf meiner Bio-Seite.

P.P.S. Quellen und weiterführende Literatur:

  • A-Tjak, J. G. et al. (2015): A meta-analysis of the efficacy of acceptance and commitment therapy for clinically relevant mental and physical health problems. Psychotherapy and Psychosomatics, 84(1), 30–36. DOI
  • Balban, M. Y. et al. (2023): Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal. Cell Reports Medicine, 4(1), 100895. DOI
  • Bandura, A. (1977): Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215. DOI
  • Cramer, H. et al. (2013): Yoga for depression: A systematic review and meta-analysis. Depression and Anxiety, 30(11), 1068–1083. DOI
  • Ekers, D. et al. (2014): Behavioural activation for depression; an update of meta-analysis of effectiveness and sub group analysis. PLoS One, 9(6), e100100. DOI
  • Heide, F. J. & Borkovec, T. D. (1983): Relaxation-induced anxiety: Paradoxical anxiety enhancement due to relaxation training. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 51(2), 171–182. DOI
  • Jacobson, N. S. et al. (1996): A component analysis of cognitive-behavioral treatment for depression. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 64(2), 295–304. DOI
  • Lindahl, J. R. et al. (2017): The varieties of contemplative experience: A mixed-methods study of meditation-related challenges in Western Buddhists. PLoS One, 12(5), e0176239. DOI
  • Maier, S. F. & Seligman, M. E. P. (2016): Learned helplessness at fifty: Insights from neuroscience. Psychological Review, 123(4), 349–367. DOI
  • Miller, W. R. & Rollnick, S. (2013): Motivational Interviewing: Helping People Change (3. Aufl.). New York: Guilford Press. (Deutsch: Motivierende Gesprächsführung, Lambertus 2015)
  • Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, 3. Auflage (2022). leitlinien.de
  • Pfeiffer, P. N. et al. (2011): Efficacy of peer support interventions for depression: A meta-analysis. General Hospital Psychiatry, 33(1), 29–36. DOI
  • Prochaska, J. O. & DiClemente, C. C. (1983): Stages and processes of self-change of smoking: Toward an integrative model of change. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 51(3), 390–395. DOI
  • Zaccaro, A. et al. (2018): How breath-control can change your life: A systematic review on psycho-physiological correlates of slow breathing. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 353. DOI

 

Selbstwirksamkeit bei Depression - 12 Mini-Übungen
Selbstwirksamkeit bei Depession – 12 Mini-Übungen

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Selbstwirksamkeit bei Depession - 12 Mini-Übungen - Vertikal
Selbstwirksamkeit bei Depession – 12 Mini-Übungen – Vertikal

Die Beiträge geben immer die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Wir schätzen unsere Leser als erwachsene Menschen und wollen ihnen unterschiedliche Möglichkeiten und Wege bieten, damit damit jeder das für sich Passende finden kann.

Autoren-Info
Mahashakti Uta Engeln
Yogatherapeutin und Heilpraktikerin | Web:  | Impressum

Mahashakti Uta Engeln ist Yogatherapeutin, -Ausbilderin und Heilpraktikerin. Seit 2003 ist sie aktiv als Vollzeit-Yogalehrerin und seit 2006 begleitet sie als Yogatherapeutin Menschen auf ihrem Weg zu einem besseren Leben. Seit 2009 auch als Yogatherapie-Ausbilderin und als HP.

In ihrer Yogaschule in Papenburg hilft sie ihren Teilnehmern mit "Yoga der Emotionen" die Herausforderungen des Lebens souverän zu bestehen.
https://yoga-papenburg.de/